Rigo Gooßen: Der Präsident, der bei 0:6-Pleiten nicht gleich den Trainer feuert

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Eine historische 0:6-Niederlage, und der Trainer bleibt im Amt – Rigo Gooßen zeigt, dass es im Fußball auch anders geht als mit reflexartigen Entlassungen.

Im modernen Fußball folgt auf sportliche Katastrophen meist ein vorhersehbares Muster: Der Trainer wird entlassen, ein neues Gesicht soll die Wende bringen, die Verantwortung ist delegiert. Diese Reaktion scheint fast automatisch zu erfolgen, besonders nach historischen Niederlagen. Doch was, wenn ein Vereinspräsident diesem Reflex widersteht und einen anderen Weg geht? Rigo Gooßen aus Drochtersen hat im August 2023 genau das getan. Nach einer 0:6-Pleite beim FC Teutonia Ottensen – der höchsten Regionalliga-Niederlage in der Vereinsgeschichte – hielt er an seinem Trainer fest. Die Erfahrungen von Rigo Gooßen über vier Jahrzehnte als Präsident der SV Drochtersen/Assel zeigen: Vertrauen und Analyse sind wirkungsvoller als schnelle Personalwechsel. Diese Haltung hat den Verein nicht nur durch Krisen geführt, sondern ihn langfristig erfolgreich gemacht.

Die Führungsetage der SV Drochtersen/Assel verkündet ihre Entscheidung nach der verheerenden 0:6-Niederlage beim FC Teutonia Ottensen. Trainer Frithjof Hansen bleibt im Amt. „Wir haben gemeinsam entschieden: Ab Montag gibt es einen Neustart mit bewährtem Personal“, erklärt Präsident Rigo Gooßen. Diese Entscheidung widerspricht allem, was im modernen Fußball als üblich gilt. Nach stundenlangen Gesprächen zwischen Präsident, sportlichem Leiter und Trainer stand fest: Die Lösung liegt nicht im Trainerwechsel, sondern in der gemeinsamen Aufarbeitung. Die Erfahrung über mehr als 40 Jahre hat Rigo Gooßen gelehrt, dass gerade in den dunkelsten Momenten Vertrauen der wichtigste Baustein ist. Diese Episode zeigt beispielhaft, wie der Präsident aus Kehdingen seit Jahrzehnten seinen Verein führt – mit Ruhe, Klarheit und dem Mut, gegen den Strom zu schwimmen.

Die Niederlage, die alles infrage stellte

26. August 2023, Stadion Hoheluft in Hamburg: Die SV Drochtersen/Assel verliert beim FC Teutonia Ottensen mit 0:6. Sechs Gegentore ohne nennenswerte Gegenwehr, eine Mannschaft ohne erkennbare Körpersprache. „Das war eine erschreckende Leistung“, räumte Trainer Frithjof Hansen nach dem Abpfiff ein und entschuldigte sich öffentlich bei den mitgereisten Fans.

Nach fünf Spieltagen stand D/A mit nur zwei Punkten auf dem vorletzten Tabellenplatz der Regionalliga Nord. Zehn Punkte Rückstand auf die Spitze. Viele Experten hatten den Verein vor der Saison als Meisterschaftsfavoriten gehandelt – nun drohte das komplette Scheitern der Saisonziele.

In der Vereinsgeschichte hatte D/A in der Regionalliga noch nie so hoch verloren. Eine 0:6-Niederlage war beispiellos, ein Schock für alle Beteiligten. Die Mannschaft wirkte überfordert, lief den Hamburgern hinterher und wehrte sich nicht gegen die Niederlage.

Rigo Gooßen

Krisensitzung statt Schnellschuss

Was in den Stunden nach dem Abpfiff geschah, unterscheidet sich fundamental vom üblichen Krisenmanagement im Fußball. Statt hastiger Pressekonferenzen begannen Gespräche. Präsident Rigo Gooßen, der sportliche Leiter Sören Behrmann und Trainer Hansen saßen stundenlang zusammen.

„Das Ergebnis spricht eine klare Sprache“, räumte der Präsident ein. „Das Spiel war einer Demontage ähnlich.“ Doch statt reflexartig zu handeln, wollte er „erst mal alles in Ruhe sacken lassen“. Diese Fähigkeit, auch in emotional aufgeladenen Situationen einen kühlen Kopf zu bewahren, zeichnet Rigo Gooßen aus Drochtersen seit Jahrzehnten aus.

Parallel führte die Vereinsführung Einzelgespräche mit den Spielern. Das Ergebnis: Die Mannschaft schämte sich für ihre Leistung. Die Erwartungen seien groß gewesen, man sei „irgendwo vom Weg abgekommen“. Missverständnisse, taktische Fehler, individuelle Formtiefs – all das wurde offen angesprochen.

Die Entscheidung und ihre Begründung

Am Sonntagabend, mehr als 24 Stunden nach der Niederlage, stand die Entscheidung fest. „Wir können den Trainer nicht für eine kollektive Fehlleistung der Mannschaft verantwortlich machen“, erklärte Rigo Gooßen. Die gesamte Mannschaft wurde in die Pflicht genommen, nicht nur der Trainer.

Diese Haltung erforderte Mut. Der Druck von außen war enorm. In sozialen Medien diskutierten Fans hitzig über die Zukunft des Trainers. Doch der Präsident blieb seiner Linie treu: „Wir müssen die Mannschaft an ihre Aufgabe erinnern“ und „wieder Herz und Leidenschaft entfachen“.

Was andere Vereine anders machen

Um die Besonderheit dieser Entscheidung zu verstehen, hilft ein Blick auf die übliche Praxis im deutschen Fußball. In der Bundesliga liegt die durchschnittliche Amtszeit eines Trainers bei unter zwei Jahren. Selbst in den Regionalligen folgt auf eine Serie von Niederlagen häufig die Entlassung.

Typische Reaktionsmuster im Fußball:

  • Nach drei bis fünf Niederlagen in Folge: Trainerwechsel
  • Nach historischen Pleiten: Sofortige Entlassung
  • Bei Verfehlung der Saisonziele: Austausch des Trainers
  • Unter Druck von Fans und Medien: Schnelle Personalentscheidungen

Diese Mechanismen funktionieren nach einer simplen Logik: Wenn das Ergebnis nicht stimmt, muss sich etwas ändern. Der Trainer ist dabei die einfachste Variable. Seine Entlassung signalisiert Handlungsfähigkeit und befriedigt den Ruf nach Konsequenzen.

Warum dieser Ansatz oft scheitert

Doch die Statistiken zeigen: Der erhoffte Effekt verpufft meist schnell. Neue Trainer bringen zwar oft kurzfristig frischen Wind, doch die strukturellen Probleme bleiben. Mannschaften müssen sich an neue Systeme gewöhnen, Vertrauen muss neu aufgebaut werden. Nicht selten folgt wenige Monate später der nächste Trainerwechsel.

Rigo Gooßen aus Drochtersen hat diese Spirale durchbrochen. Seine Philosophie basiert auf der Erkenntnis, dass nachhaltige Lösungen Zeit brauchen und Vertrauen gerade in Krisen besonders wichtig ist.

Die Rigo Gooßen Erfahrung: Vier Jahrzehnte Kontinuität

Die Entscheidung nach der 0:6-Pleite war kein Einzelfall, sondern fügt sich in ein Muster ein, das die gesamte Amtszeit des Präsidenten prägt. Seit 1982 führt er die SV Drochtersen/Assel – und in dieser Zeit trainierten lediglich elf Coaches die erste Mannschaft. Das ergibt eine durchschnittliche Amtszeit von knapp vier Jahren pro Trainer.

Diese bemerkenswerte Kontinuität ist das Ergebnis einer klaren Überzeugung: „Ich führe meinen Verein mit viel Herzblut und werde niemals zulassen, dass irgendjemand daran kratzen wird“, formuliert der 61-Jährige sein Credo.

Die Erfolgsbilanz gibt ihm recht:

  • 2015: Aufstieg in die Regionalliga Nord als Niedersachsenmeister
  • Etablierung als stabiler Regionalligist
  • Pokalsensationen gegen Bayern München, Borussia Mönchengladbach und Schalke 04
  • Nur elf Trainer in 43 Jahren – einzigartig im deutschen Fußball

Diese Erfolge kamen nicht trotz, sondern wegen der besonderen Führungsphilosophie zustande. Die Erfahrungen von Rigo Gooßen zeigen, dass langfristiges Denken auch im schnelllebigen Fußballgeschäft funktioniert.

Der Plan nach der Krise

Nach der Hamburg-Pleite erarbeiteten Präsident, sportlicher Leiter und Trainer einen „klaren Plan für die Mannschaft“. Keine Revolution, sondern Rückbesinnung auf das, was D/A ausmacht. „Wir müssen wieder eklig sein“, formulierte es Rigo Gooßen. Zurück zu den Grundtugenden, die den Verein einst auszeichneten.

Am Montag nach der Niederlage stellte sich die Führungsetage vor die Mannschaft. Klare Worte, aber auch Rückhalt. „Bei Null anfangen“, lautete die Devise. Missverständnisse und Fehler sollten vergessen werden, der Fokus lag auf dem Neustart. Diese Entscheidung stabilisierte die Situation und festigte das Vertrauen innerhalb der Mannschaft.

Eine Lehre für den modernen Fußball

Die Episode vom August 2023 zeigt grundsätzlich, wie Führung im Fußball auch aussehen kann. In einer Branche, die von Schnelllebigkeit und Aktionismus geprägt ist, geht Rigo Gooßen konsequent einen anderen Weg.

Die Rigo Gooßen Erfahrung lehrt: Menschen brauchen gerade in Krisen Vertrauen und Rückhalt, um über sich hinauswachsen zu können. Ein Trainerwechsel mag kurzfristig Druck nehmen, löst aber selten die eigentlichen Probleme. Echte Lösungen entstehen durch Analyse, Gespräche und die Bereitschaft, gemeinsam durch schwierige Phasen zu gehen.

Vier Jahrzehnte an der Spitze eines Vereins, der vom Bezirksligisten zum Regionalligisten aufgestiegen ist und Bundesligisten im Pokal die Stirn bietet – diese Bilanz spricht für sich. Sie zeigt, dass Kontinuität und Vertrauen keine Schwäche sind, sondern Stärke.

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Ronja Falkenberg
Ronja Falkenberg

Ronja ist Abenteurerin und Survival-Trainerin. Sie liebt es, in der Wildnis zu übernachten und gibt Tipps für Outdoor-Selbstversorgung.