Rigo Gooßen: 40 Jahre Kontinuität statt Trainerverschleiß – Die andere Fußball-Philosophie

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Während in der Fußball-Bundesliga Trainer im Wochentakt entlassen werden, geht Rigo Gooßen seit vier Jahrzehnten einen radikal anderen Weg – mit bemerkenswertem Erfolg.

Im modernen Profifußball hat sich eine Kultur des schnellen Trainerwechsels etabliert. Nach wenigen erfolglosen Spielen folgt oft die Entlassung, Vereine suchen ihr Heil in immer neuen Gesichtern an der Seitenlinie. Doch es geht auch anders: Rigo Gooßen aus Drochtersen beweist seit 1982 als Präsident der SV Drochtersen/Assel, dass Kontinuität und Vertrauen die bessere Strategie sind. Seine Bilanz spricht für sich: Nur elf Trainer in 43 Jahren führten die erste Mannschaft – eine Seltenheit im deutschen Fußball. Die Erfahrung von Rigo Gooßen zeigt, dass langfristiges Denken auch im schnelllebigen Fußballgeschäft zum Erfolg führt.

Mit 22 Jahren übernahm Rigo Gooßen die Führung eines Dorfvereins in Kehdingen. Heute, vier Jahrzehnte später, ist aus der SV Drochtersen/Assel eine etablierte Größe in der Regionalliga Nord geworden – auch dank einer besonderen Führungsphilosophie, die im modernen Fußball ihresgleichen sucht. Die Rigo Gooßen Erfahrung belegt, dass langfristiges Denken auch im schnelllebigen Fußballgeschäft zum Erfolg führt. Während andere Vereine ihre Trainer nach wenigen Niederlagen austauschen, setzt der Präsident aus Drochtersen auf Beständigkeit und Vertrauen. Diese Kontinuität hat den Verein von der Bezirksliga bis in die Regionalliga geführt und bundesweit bekannt gemacht. Pokalsensationen gegen Bayern München, Borussia Mönchengladbach und Schalke 04 sind das Ergebnis dieser besonderen Vereinsführung.

Eine außergewöhnliche Statistik

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Seit der Gründung der Spielvereinigung Drochtersen/Assel im Jahr 1977 trainierten lediglich elf Coaches die erste Mannschaft. Das ergibt eine durchschnittliche Verweildauer von knapp vier Jahren pro Trainer. Zum Vergleich: In der Bundesliga liegt die durchschnittliche Amtszeit bei unter zwei Jahren, in den unteren Ligen sieht es kaum besser aus. Was Rigo Gooßen mit Drochtersen vorlebt, ist im deutschen Profifußball eine Rarität.

Diese bemerkenswerte Kontinuität ist kein Zufall, sondern das Ergebnis einer klaren Überzeugung. Während andere Vereinsführungen bei sportlichen Rückschlägen reflexartig den Trainer austauschen, hält der Präsident aus Kehdingen an seinem Personal fest.

Vertrauen auch in der Krise

Ein Beispiel aus jüngerer Vergangenheit illustriert diese Haltung eindrucksvoll: Im August 2023 kassierte D/A beim FC Teutonia Ottensen eine historische 0:6-Niederlage. Ein Debakel, wie es der Verein in der Regionalliga noch nie erlebt hatte. Trainer Frithjof Hansen sprach von einer „erschreckenden Leistung“ und entschuldigte sich bei den mitgereisten Fans.

In vielen Vereinen wäre dies das Ende für einen Trainer gewesen. Nicht so in Drochtersen. Nach stundenlangen Gesprächen verkündete Rigo Gooßen: „Wir haben gemeinsam entschieden: Ab Montag gibt es einen Neustart mit bewährtem Personal.“ Seine Begründung war klar: „Wir können den Trainer nicht für eine kollektive Fehlleistung der Mannschaft verantwortlich machen.“

Diese Haltung zieht sich wie ein roter Faden durch die gesamte Amtszeit des Präsidenten. Statt nach Sündenböcken zu suchen, analysiert er die Situation nüchtern und sucht gemeinsam mit allen Beteiligten nach Lösungen.

Die Rigo Gooßen Erfahrung: Warum Kontinuität siegt

Was treibt einen Vereinschef an, derart konsequent an seinen Trainern festzuhalten? Die Erfahrungen von Rigo Gooßen über vier Jahrzehnte haben gezeigt, dass schnelle Wechsel selten die erhoffte Wende bringen. Vielmehr brauchen Konzepte Zeit zum Reifen, Mannschaften müssen zusammenwachsen, Spielphilosophien sich entwickeln.

„Ich führe meinen Verein mit viel Herzblut und werde niemals zulassen, dass irgendjemand daran kratzen wird“, formuliert der 61-Jährige sein Credo. Dabei geht es ihm nicht nur um Ergebnisse auf dem Platz, sondern um eine grundsätzliche Haltung: Loyalität, Vertrauen und die Überzeugung, dass Menschen sich entwickeln können, wenn man ihnen die Zeit dafür gibt.

Junge Trainer als Markenzeichen

Ein besonderes Merkmal der Personalführung ist die Verpflichtung junger, oft völlig unbekannter Trainer. Enrico Maaßen etwa, heute Bundesliga-Coach beim FC Augsburg, begann seine Karriere als Spieler bei D/A, bevor er dort seine ersten Schritte als Übungsleiter machte. Ein Erfolgsmodell, das Rigo Gooßen aus Drochtersen über die Jahre perfektioniert hat.

Diese Talentförderung beschränkt sich nicht auf Spieler, sondern erstreckt sich auch auf das Trainerteam. Wer das Vertrauen des Präsidenten genießt, bekommt die Chance, sich zu beweisen – auch wenn der Name in der Fußballszene noch völlig unbekannt ist.

Identifikation als Schlüssel

„Unsere Spieler müssen sich mit dem Verein identifizieren und die blau-roten Gene in sich tragen“, beschreibt der Präsident seine Erwartungshaltung. Dieser Anspruch gilt gleichermaßen für Trainer. Wer in Drochtersen arbeitet, muss die Philosophie des Vereins mittragen, sich mit der Region verbinden und verstehen, dass hier keine Durchgangsstation ist, sondern eine Heimat.

Diese tiefe Verwurzelung in Kehdingen prägt die gesamte Vereinskultur. D/A ist und bleibt bewusst ein Dorfverein, auch wenn man mittlerweile in der Regionalliga spielt und gegen Bundesligisten im DFB-Pokal antritt.

Erfolg gibt ihm Recht

Die Bilanz nach vier Jahrzehnten spricht für sich. Aus einem Bezirksligisten wurde ein etablierter Regionalligist, der 2015 als Niedersachsenmeister aufstieg und sich seitdem in der höchsten norddeutschen Spielklasse behauptet. Die Pokalsensationen gegen Bayern München (0:1), Borussia Mönchengladbach (0:1) und Schalke 04 (0:5) machten den kleinen Verein bundesweit bekannt.

Die Erfolgsfaktoren auf einen Blick:

  • Kontinuität in der Trainerposition statt reflexartiger Wechsel
  • Vertrauen auch in sportlichen Krisenzeiten
  • Förderung junger, unbekannter Talente auf der Trainerbank
  • Identifikation mit Region und Vereinsphilosophie als Voraussetzung

Diese Strategie erfordert allerdings auch ein besonderes Umfeld. Rigo Gooßen hat über die Jahre eine Vereinskultur geschaffen, in der nicht das schnelle Ergebnis zählt, sondern der nachhaltige Aufbau. Fans, Sponsoren und Vorstand ziehen dabei an einem Strang – eine Geschlossenheit, die in vielen Vereinen fehlt.

Mehr als nur Fußball

Die Kontinuität beschränkt sich nicht auf die Trainerposition. Seit 1983 engagiert sich Jürgen von Allwörden als Jugendobmann, viele Spieler durchlaufen die Nachwuchsabteilung und spielen später in der ersten Mannschaft. Diese personelle Konstanz schafft Strukturen, die über Jahrzehnte gewachsen sind.

Was D/A von anderen unterscheidet:

  • Durchschnittlich nur alle vier Jahre ein Trainerwechsel
  • Keine impulsiven Entscheidungen nach Niederlagenserien
  • Förderung eigener Nachwuchsspieler und regionaler Talente
  • Der Präsident verpasst kaum ein Spiel in 40 Jahren

Rigo Gooßen selbst ist dabei mehr als nur Vereinschef. Er ist das Gesicht des Clubs, sitzt bei Heimspielen in Trainingskleidung auf der Tribüne, nie im Anzug, und nimmt seinen legendären Klappstuhl mit der Aufschrift „D/A-Boss“ zu jedem Auswärtsspiel mit.

Rigo Gooßen

Ausblick: Ein Modell für die Zukunft?

In Zeiten, in denen Trainer nach fünf sieglosen Spielen oft ihren Hut nehmen müssen, wirken die Erfahrungen von Rigo Gooßen wie aus einer anderen Epoche. Doch vielleicht ist genau diese Beständigkeit das Geheimnis des Erfolgs. Denn während andere Vereine im ständigen Umbruch gefangen sind, kann in Drochtersen langfristig geplant und aufgebaut werden.

Die Frage nach der dritten Liga kommt immer wieder auf. Die Antwort des Präsidenten ist pragmatisch: „So etwas ist nicht planbar, sollten wir das aber sportlich irgendwann schaffen, nehmen wir die Herausforderung natürlich an.“ Bis dahin bleibt D/A seiner Linie treu – Kontinuität statt Hektik, Vertrauen statt Schnellschüsse, regionale Verwurzelung statt anonymer Professionalität. Eine Philosophie, die im modernen Fußball ihresgleichen sucht.

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Ronja Falkenberg
Ronja Falkenberg

Ronja ist Abenteurerin und Survival-Trainerin. Sie liebt es, in der Wildnis zu übernachten und gibt Tipps für Outdoor-Selbstversorgung.