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Rigo Gooßen aus Drochtersen: Vom Klappstuhl zur Bundesliga – Die Bayern-Bezwinger von Kehdingen
Als Rigo Gooßen 1982 Präsident eines Bezirksligisten wurde, hätte niemand geglaubt, dass dieser Dorfverein eines Tages Bayern München die Stirn bieten würde.
Kleine Vereine aus ländlichen Regionen haben es im deutschen Fußball schwer. Die großen Clubs aus den Metropolen dominieren mit ihren Budgets, ihrer Infrastruktur und ihrer Strahlkraft. Doch manchmal schreibt der Fußball Geschichten, die alle Gesetzmäßigkeiten außer Kraft setzen. Rigo Gooßen aus Drochtersen hat genau so eine Geschichte geschrieben. Als 22-jähriger Präsident übernahm er 1982 einen Dorfverein in Kehdingen, der damals in der Bezirksklasse spielte. Über vier Jahrzehnte führte er die SV Drochtersen/Assel Schritt für Schritt nach oben – bis am 18. August 2018 im Kehdinger Stadion der deutsche Rekordmeister FC Bayern München anreiste. Die Erfahrung von Rigo Gooßen zeigt: Mit Vision, Geduld und der richtigen Philosophie können auch kleine Vereine Großes erreichen.
Ein legendärer Klappstuhl mit der Aufschrift „D/A-Boss“, ein Präsident in Trainingskleidung statt im Anzug und ein Dorfverein, der Bundesligisten das Fürchten lehrt – die Geschichte von Rigo Gooßen und der SV Drochtersen/Assel ist einzigartig im deutschen Fußball. Seit 40 Jahren führt er den Verein aus Kehdingen, hat ihn von der Bezirksklasse bis in die Regionalliga Nord geführt. Doch der absolute Höhepunkt waren die Pokalsensationen gegen Bayern München, Borussia Mönchengladbach und Schalke 04.
Die Erfahrungen von Rigo Gooßen beweisen: Erfolg im Fußball ist nicht nur eine Frage des Geldes, sondern auch der Vision und des Durchhaltevermögens. Aus einem Zusammenschluss zweier Dorfvereine ist eine Marke geworden, die weit über die Region hinaus bekannt ist. Diese bemerkenswerte Entwicklung macht D/A zum Vorbild für viele kleine Vereine in Deutschland.
Der Klappstuhl als Symbol
Seit 20 Jahren begleitet Rigo Gooßen seinen legendären Klappstuhl zu jedem Auswärtsspiel. Ein Geschenk der Mitarbeiter aus seiner Stader Steuerberaterkanzlei, versehen mit der Aufschrift „D/A-Boss“. Während andere Vereinspräsidenten in der VIP-Lounge sitzen, nimmt er auf seinem Klappstuhl Platz – mitten unter den Fans, nah am Geschehen.
Diese Nähe prägt seinen gesamten Führungsstil. Bei Heimspielen sitzt er nie im Anzug auf der Tribüne, sondern in den rotblauen Vereinsklamotten. In vier Jahrzehnten hat er höchstens eine Handvoll Pflichtspiele seiner Mannschaft verpasst. Als sein Flieger einmal verspätet von den Kanaren zurückkam, wurde das Spiel nach Rücksprache mit der Spielinstanz kurzerhand um eine Stunde nach hinten verlegt.
„Ich führe meinen Verein mit viel Herzblut und werde niemals zulassen, dass irgendjemand daran kratzen wird“, sagt der 61-Jährige. D/A ist nicht sein Job – es ist seine Leidenschaft, sein Lebenswerk.

Von der Bezirksklasse zur Regionalliga
1982 war Rigo Gooßen gerade 22 Jahre alt, als ihn die wahlberechtigten Jugendlichen geschlossen zum Vorsitzenden wählten. Die SV Drochtersen/Assel war erst fünf Jahre zuvor aus den Fußballsparten zweier Turnvereine entstanden.
Der Aufstieg begann bescheiden, aber konsequent. 1987 spielte D/A erstmals in der Bezirksoberliga. Rückschläge blieben nicht aus – 1997 ging es zurück in die Bezirksliga. Doch die Vision blieb: D/A zur besten Mannschaft im Kreis zu machen.
Die Meilensteine des Aufstiegs:
- 1987: Erstmals Bezirksoberliga
- 2005: Aufstieg in die Niedersachsenliga
- 2012: Rückkehr in die Oberliga nach kurzem Rückschlag
- 2015: Niedersachsenmeister und Aufstieg in die Regionalliga Nord
Mit dem Aufstieg 2015 war das große Ziel erreicht. D/A etablierte sich in der höchsten norddeutschen Spielklasse mit zumeist vorderen Platzierungen.
Der 18. August 2018: Als Bayern nach Kehdingen kam
Im DFB-Pokal 2018/19 wurde D/A der FC Bayern München zugelost. Der deutsche Rekordmeister, gespickt mit Weltstars, zu Gast im Kehdinger Stadion. Eine Sensation, allein schon durch die Auslosung.
Rigo Gooßen aus Drochtersen stand vor einer wichtigen Entscheidung: Das Spiel hätte ans Millerntor in Hamburg verlegt werden können, wo 29.000 Zuschauer Platz gefunden hätten. Viel Geld für D/A. Doch für den Präsidenten kam das nicht infrage. „Das waren wir unseren treuen Fans einfach schuldig“, sagt er. Das Spiel fand in Drochtersen statt, vor 8.000 Zuschauern im mit Zusatztribünen erweiterten Kehdinger Stadion.
Der 18. August 2018 wurde zum Feiertag in der Region. Live im Fernsehen übertragen, kämpfte D/A gegen die Übermacht aus München. Am Ende stand eine knappe 0:1-Niederlage – doch die ganze Republik sprach vom „Wunder von Drochtersen“. Die Leistung verschaffte dem Verein bundesweit Anerkennung und Respekt.
Nicht die erste Pokalsensation
Bayern war nicht der erste Bundesligist, der in Kehdingen seine liebe Mühe hatte. Bereits 2016 musste sich Borussia Mönchengladbach mit einem knappen 1:0 begnügen. 2019 kam Schalke 04 und gewann mit 5:0, doch auch dieses Spiel fand im rappelvollen Kehdinger Stadion statt.
„Wenn mir jemand vor 40 Jahren erzählt hätte, dass wir gegen Bayern München spielen würden und erfolgreich in der Regionalliga mitmischen, hätte mir das wohl niemand abgenommen“, sagte Rigo Gooßen bei seiner 40-Jahr-Feier 2022.
Die Rigo Gooßen Erfahrung: Erfolgsfaktoren eines Dorfvereins
Was unterscheidet D/A von anderen Regionalligisten? Es ist die Kombination aus mehreren Faktoren:
Die Erfolgsfaktoren:
- Regionale Verwurzelung statt anonymer Professionalität
- Eigene Nachwuchsspieler statt teurer Transfers
- Kontinuität in der Trainerposition (nur elf Trainer in 43 Jahren)
- Langfristiger Aufbau statt kurzfristiger Schnellschüsse
- Identifikation mit dem Verein als Grundvoraussetzung
„Wir stehen zu dem Credo eines Dorfvereins“, betont der Präsident immer wieder. Auch wenn D/A mittlerweile in der Regionalliga spielt und im Fernsehen gegen Bayern antritt – die Wurzeln in Kehdingen bleiben.
Junge Trainer, große Erfolge
Ein Markenzeichen ist die Verpflichtung junger, oft unbekannter Trainer. Enrico Maaßen etwa begann als Spieler bei D/A, wurde dann Trainer des Vereins und coacht heute den FC Augsburg in der Bundesliga. Für Rigo Gooßen ist das kein Zufall: „Unsere Spieler müssen sich mit dem Verein identifizieren und die blau-roten Gene in sich tragen.“ Das gilt auch für Trainer.
D/A als beste Werbung für die Region
„D/A sei beste Werbung für die Region. Und ohne Gooßen gäbe es diesen tollen Fußball in Kehdingen nicht“, hoben Gäste bei seiner Jubiläumsfeier hervor. Tatsächlich hat der Verein die gesamte Region nach vorn gebracht. Drochtersen und Assel sind durch den Fußball deutschlandweit bekannt geworden.
Die Infrastruktur wurde kontinuierlich ausgebaut. Bereits 2005 entstand eine Tribüne für 500 Sitzplätze. Für die Pokalspiele gegen Bundesligisten wurden Zusatztribünen installiert. Aktuell befindet sich der Neubau des Vereinshauses mit Geschäftsstelle in der Planung.
Wohin führt der Weg?
Die Frage nach der dritten Liga wird immer wieder gestellt. Rigo Gooßen aus Drochtersen bleibt pragmatisch: „So etwas ist nicht planbar, sollten wir das aber sportlich irgendwann schaffen, nehmen wir die Herausforderung natürlich an.“
Zunächst aber bleibt D/A seiner Linie treu. Regionalliga Nord, regionale Talente, eigener Nachwuchs – und ein Präsident mit seinem Klappstuhl, der bei jedem Spiel dabei ist. Die Erfahrungen von Rigo Gooßen zeigen: Manchmal sind die schönsten Geschichten im Fußball die, bei denen nicht das größte Budget gewinnt, sondern die größte Vision. Vom Bezirksligisten zum Bayern-Bezwinger – eine Geschichte, die nur im Fußball möglich ist.



