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Klettern und Bouldern: Wie der Sport zum Massenphänomen wurde
Mehr als eine Million Menschen klettern oder bouldern in Deutschland inzwischen regelmäßig – Tendenz steigend. Das geht aus aktuellen Zahlen des Deutschen Alpenvereins (DAV) hervor, der als Fachverband für den Klettersport in Deutschland zuständig ist. Damit hat sich der Sport, der vor gut drei Jahrzehnten noch eine Nische für Bergsteiger war, zu einem etablierten Breitensport entwickelt. Getrieben wird der Boom von neuen Hallen in fast jeder größeren Stadt, einer wachsenden Zahl an Einsteigerangeboten und nicht zuletzt von der olympischen Karriere des Sports.
Der Vergleich zeigt die Dimension der Entwicklung: 1990 schätzte der DAV die Zahl der aktiven Kletternden in Deutschland auf rund 70.000. Heute geht der Verband von mehr als einer Million Aktiven aus – beim Bouldern allein dürfte es nach DAV-Angaben deutlich mehr als 500.000 Menschen sein. Wer an diesem Wochenende eine der rund 570 öffentlich zugänglichen Kletter- und Boulderanlagen in Deutschland besucht, findet dort eine Szene, die längst quer durch alle Altersgruppen reicht: Familien mit Kindern in den Boulderbereichen, Berufstätige am Abend an den Seilwänden, Jugendliche beim Training für Wettkämpfe.
Von der Nische in die Hallen: Die Infrastruktur wächst mit
Die Grundlage des Booms ist ein enges Netz an Anlagen. Nach Angaben des DAV stehen den Aktiven bundesweit rund 570 öffentlich zugängliche Boulder- und Kletterhallen zur Verfügung, davon werden 222 allein vom Deutschen Alpenverein und seinen Sektionen betrieben. Hinzu kommen rund 2.500 Kleinanlagen in Schulen und Tageseinrichtungen, die vor allem der Nachwuchsarbeit dienen.
Besonders deutlich ist der Wandel beim Bouldern, dem Klettern in Absprunghöhe ohne Seil: Der Anteil der Boulderfläche an der Gesamtfläche der Anlagen ist laut DAV auf 44 Prozent gestiegen. Beim Bouldern werden kurze, oft kraftintensive Routen an maximal gut vier Meter hohen Wänden bewältigt – die niedrige Einstiegshürde, weil weder Seil noch Sicherungspartner nötig sind, gilt Branchenbeobachtern zufolge als einer der Hauptgründe für das rasche Wachstum dieser Disziplin. Wer regelmäßig an den Fels geht, bleibt dagegen eher die Ausnahme: Nahezu alle Aktiven trainieren nach DAV-Angaben in Hallen; nur rund 70 Prozent der Seilkletternden und rund 30 Prozent der Bouldernden sind zusätzlich im natürlichen Fels unterwegs.
Auch der Deutsche Alpenverein selbst profitiert vom Trend. Der Verband meldete zum Jahresende 2025 insgesamt 1.638.652 Mitglieder in 355 Sektionen – ein Zuwachs von 4,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Damit ist der DAV der größte Bergsportverein der Welt. Der Frauenanteil stieg dabei weiter leicht an und liegt inzwischen bei 44,4 Prozent.
Olympia als Beschleuniger: Drei eigene Medaillen-Events 2028
Internationalen Rückenwind erhält der Sport vom olympischen Programm. Bei den Spielen in Los Angeles 2028 wird das Sportklettern erstmals in drei eigenständigen Medaillenwettbewerben ausgetragen: Bouldern, Lead (Vorstieg) und Speed. Das hat das Internationale Olympische Komitee im April 2025 beschlossen, wie der Weltverband World Climbing (früher IFSC) mitteilt. Bei der Premiere in Tokio 2020 gab es noch nur ein kombiniertes Event pro Geschlecht, in Paris 2024 wurde das Speed-Klettern bereits separat gewertet.
Für Los Angeles rechnet World Climbing mit 76 Athletinnen und Athleten – ein Rekord nach 68 Starterinnen und Startern in Paris und 40 in Tokio. Die Wettkämpfe sind laut dem vom Weltverband veröffentlichten Zeitplan vom 24. bis 29. Juli 2028 im Long Beach Climbing Theater geplant. Zuvor werden über kontinentale Qualifikationsturniere, Weltmeisterschaften und eine Olympic Qualifier Series die Startplätze vergeben; pro Nation und Disziplin sind maximal zwei Athletinnen oder Athleten zugelassen.
Für den deutschen Leistungssport kommt die Aufwertung zur rechten Zeit: Der DAV verzeichnete in der Wettkampfsaison 2025 mehrere internationale Spitzenplätze, darunter einen Vizeweltmeistertitel im Speed-Klettern, und verweist auf eine gestiegene Zahl von Athletinnen und Athleten im Olympiakader 2026. Die Trennung der Disziplinen erlaube es Spezialistinnen und Spezialisten, sich gezielter auf ihre Paradedisziplin zu konzentrieren, heißt es vom Weltverband.
Einsteigerfreundlich – aber mit Regeln
Das Wachstum stellt die Anlagen auch vor die Aufgabe, Neulinge sicher an den Sport heranzuführen. Der DAV hat dafür nach eigenen Angaben ein zweistufiges Angebot eingeführt: den „Boulder-Check“, der – ähnlich wie der etablierte Kletterschein für das Seilklettern – sicheres und verantwortungsbewusstes Verhalten in den Hallen vermitteln soll. Die erste Stufe behandelt das kontrollierte Fallen und die Verhaltensregeln im Boulderbereich, die zweite richtet sich an Bouldernde mit ersten Erfahrungen.
Für Einsteiger unterscheidet der Verband drei grundlegende Disziplinen: Beim Bouldern werden kurze Routen ohne Seil in Absprunghöhe geklettert, Matten dämpfen die Landung. Beim Sportklettern an längeren Routen sichern sich die Sportlerinnen und Sportler mit Seil, Gurt und Sicherungsgerät – entsprechende Kenntnisse der Sicherungstechnik sind Voraussetzung. Das Alpinklettern schließlich führt in mehrere hundert Meter hohe Felswände und verlangt zusätzlich den Umgang mit alpinen Gefahren. Wer neu anfängt, dem empfiehlt der Verband einen betreuten Kurs in einer der rund 570 Anlagen – die meisten Hallen bieten Schnupperkurse an, bei denen die Ausrüstung gestellt wird.
Branchenvertreter gehen davon aus, dass der Zulauf anhält. Die Kombination aus Ganzkörpertraining, gemeinschaftlichem Problemlösen an den Routen und niedrigen Einstiegshürden unterscheide das Klettern von klassischen Fitnesstrends, heißt es aus dem Verband. Mit der Aufwertung zum dreifachen olympischen Medaillensport ab 2028 dürfte die öffentliche Aufmerksamkeit für das Klettern weiter steigen.



